Luther 1821759 1920

"Die entscheidenden Veränderer der Welt sind immer gegen den Strom geschwommen." - Walter Jens

Aus heutiger Sicht sind die Aussagen, die 1517 zu einem wahren Eklat in der Kirche führten, für viele Menschen nahezu selbstverständlich. Damals jedoch traf Martin Luther damit den Nerv der Zeit und setzte eine Entwicklung in Gang, die er selbst wahrscheinlich nicht vorhergesehen hatte. Doch zurück zum Anfang. Der 1483 in Eisleben geborene spätere Mönch, Diakon, Priester und Doktor der Theologie hatte sich bereits im Rahmen seines Studiums gründlich mit den Themen Buße, Beichte und Reue beschäftigt. Am 31.10.1517 soll Martin Luther 95 Thesen an die Schlosskirche Wittenberg geschlagen haben und an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg versandt haben. Zwei dieser Thesen lauten:

„Jeder wahre Christ, lebend oder tot, hat, ihm von Gott geschenkt, teil an allen Gütern Christi und der Kirche, auch ohne Ablassbriefe.“

„Der Papst kann nicht irgendeine Schuld erlassen; er kann nur erklären und bestätigen, sie sei von Gott erlassen.“

Weitere Kritikpunkte Luthers aber auch seiner Unterstützer waren eine stärker werdende Verweltlichung, die Käuflichkeit kirchlicher Ämter und der wenig vorbildliche Lebenswandel zahlreicher geistlicher Würdenträger. Durch zahlreiche Bibelstudien und die Arbeit an der Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache kam Martin Luther zu dem Schluss:

„Sola fide. Sola gratia. Sola Scriptura. Sola christus.“

Die Rechtfertigung des Menschen erfolge demzufolge allein durch seinen Glauben an Gott, seine Gnade. Die Heilige Schrift gilt als einzige und unabänderliche Wahrheit und Gottes Wort. Die Vergebung der Sünden erfolge allein durch Jesu Tod am Kreuz. Luther’s Anliegen, die Missstände der Kirche abzubauen und das ehrliche Bekenntnis der Christen zu Gott wieder in den Fokus zu stellen, führte letztlich zu der von ihm nicht beabsichtigten Spaltung der Kirche. Bereits 1522 sagte er:

„Predigen will ich's, sagen will ich's, schreiben will ich's. Aber zwingen, mit Gewalt dringen, will ich niemanden, denn der Glaube will willig, ungenötigt angenommen werden . . .“.

Die Auswirkungen der Reformation sind auch heute noch spürbar und durchzogen alle Lebensbereiche der Menschen. So verschob sich auch das Machtgefüge und der Weg hin zu Mitbestimmung, freier Willensbildung und Demokratie wurde gebahnt.
Somit ist der heutige Reformationstag nicht nur zur Mahnung für Christen gedacht, dass trotz der vielfältigen Gemeinde- und Kirchenlandschaft in Deutschland die Gemeinsamkeiten stärker wiegen sollen. Dafür sind die von Luther benannten Punkte „Glaube. Gnade. Schrift. Jesus.“ nach wie vor gut gewählte Worte, da sie doch die Basis jeder Kirche und Gemeinde bilden, die sich auf Gott als Schöpfer beruft. Im Gegensatz zu den Protestanten damals, die fürchten mussten, wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen zu landen, haben wir das große Privileg, unsere Meinung frei äußern zu können. Und so erinnert der heutige Gedenktag der Reformation auch nachdrücklich an die Bedeutung unserer Demokratie und den damit verbundenen Vorrechten wie zum Beispiel der freien Meinungsäußerung. Das darf niemals in Vergessenheit geraten.